Berner Zeitung/Berner Oberländer:
Die dreisteste Szene kommt schon ziemlich früh: Dann, wenn der junge, redselige Saanenländer und der stumme Cyborg von einer Anhöhe auf Gstaad hinunterblicken und doch tatsächlich das Hotel Palace in die Luft fliegt.
Es ist aber bei weitem nicht die einzige Explosion in diesem Film. Schon vorher hat es zwanzig Minuten lang eigentlich nur gedonnert, wurde geballert, geschossen und gestorben. Mit über 250 Toten übertrifft «Marauder» sogar die Rambo-Filme. Das Blut, oder in dem Fall, der Himbeer-Sirup, ist literweise geflossen und von Gstaad selber ist dann wirklich nicht mehr viel übrig.
Knapp zwei Stunden dauert der Film und liefert alles, was das Trash-Herz begehrt. Unschärfen, Achsen- und Zeitsprünge, Blut auf der Kameralinse, epische Musik wie in «Herr der Ringe», dazu lange herrliche Landschaftseinstellungen, irrwitzige Mundart-Dialoge mit englischen Untertitel.
Die Geschichte ist mehr oder weniger schnell erzählt: Nach dem 3. Weltkrieg sind weite Teile der Welt zur Quarantänezone geworden, in denen sich die Menschen in Mutanten verwandelt haben. Die «Nationen», durch den Krieg geschwächt – haben die «Marauder» geschaffen, halb Mensch, halb Maschine, um sie gegen die Mutanten kämpfen zu lassen. Eine Organisation, im Film nur «die Koalition» genannt, versucht derweil die restliche noch bewohnbare Welt zu erobern. Die letzte Bastion der «Nationen» befindet sich in den Schweizer Alpen, auf der Kübelialp in Saanen. Ein «Marauder» und eine Handvoll Saarnenländer wehren sich gegen die Invasion.
Ja, das ist bester Trash-Film-Stoff. Gedreht hat ihn Alexander Stalder, grossgewachsen, blondes Haar, 35 Jahre alt, ein waschechter Saanenländer. Aufgewachsen ist er in Gstaad selber und hat es deshalb hingekriegt, dass er seinen Film im Ciné Gstaad zeigen konnte – was für Filme dieses Genres ungewöhnlich ist. Am Wochenende war quasi Weltpremiere. Schon das Kino selber war beste Kulisse. Die Wände sind in einer Art Lila gehalten, auf der Toilette haben die Lampen rote Birnen. Das Kino gibt es seit 1955 und wurde seither, wenn, dann nur sanft renoviert. Am Eingang begrüsste ein Cyborg das Publikum. Rund 100 Zuschauer sind an die Premiere gekommen. Wohl die Hälfte hat selber im Film mitgespielt. Nicht weniger als 44 Laiendarsteller zählt «Marauder», die halbe Gstaader Dorfjugend hat mitgespielt.
Alexander Stalder hat nie eine Filmschule besucht. Ganz nach dem Motto, «mach es einfach», hat er sich einen lang gehegten Traum erfüllt: endlich einen eigenen Film zu produzieren. Stalder ist so. Wenn er etwas im Kopf hat, tut er es einfach. Mit zwanzig hat er gleich nach dem Militär seine sieben Sachen gepackt und ist nach Japan geflogen. Ohne die Sprache zu sprechen. Ohne wirklich einen Plan zu haben. Verbunden mit dem Land ist er durch den Kampfsport Aikido, in dem er den ersten Dan hat. Vor Ort schlug er sich zwei Jahre lang mit Jobs durch. Unter anderem arbeitete er in einer Schwertschmiede, an kleineren Trashfilm-Sets und als Security. Heute ist er verheiratet, hat ein Kind und arbeitet in der Landi in Gstaad. Nebenher betreibt er eine Art Computer-Service-Büro. Er ist Autodidakt durch und durch – eine Lehre abgeschlossen hat er nie.
Das Kino aber hat er immer geliebt – die Filme von Akira Kurosawa etwa, Jackie Chan, Kampfsport- und Ronin-Filme, aber eben auch die Science-Fiction und Action-Genres. Starship Troopers von Paul Verhoeven gehört zu seinen Lieblingen. Vor allem aber haben es ihm Low-Budget-Produktionen angetan, Trash-Filme, die immer wieder unverhofft Kultstatus erreichen. Ganz in dieser Tradition hat er nun seinen «Maurader» gedreht. Zweieinhalb Jahre lang hat das gedauert. Jedes Wochenende ging es hoch auf die Kübelialp. Jeden Abend nach der Arbeit bearbeitete er den Film auf seinem Rechner. Gekostet hat der Film gerade mal 20 000 Franken. Zum Einsatz gekommen sind ausschliesslich eine Spiegelreflex-Kamera und eine Drohne. Die unzähligen Waffen stammen von einem Paint-Ball-Vertrieb. Stalder hat alles selber gemacht. Nur für die Musik war Michael Noble aus den USA zuständig. Wie er zu ihm gekommen ist, fasst Stalder so zusammen, wie eigentlich alle seine erfolgreichen Abenteuer: «Ich habe einfach gefragt».
Trash-Filme haben einen Markt. Und «Marauder» ist genauso einer, wie er von Fangemeinden geliebt wird. Es gibt einschlägige Internetforen, Facebook-Gruppen und sogar Labels, die solche Filme vertreiben. Trash ist Mode.
Wie Stalder erzählt, gab es schon Kontakt zu Labels aus China, die möglicherweise einen zweiten Teil finanzieren würden. Und auch Uwe Boll, eine bekannter Verfilmer von Videospielen, hat Interesse am Vertrieb des ersten Teils bekundet.
Vor allem ein Credo gibt es bei Trash-Filmen zu beachten: Der Fan mag es, wenn der Trash auf gute Weise schlecht gemacht und originär, ja einzigartig ist.
All das weiss Alexander Stalder freilich und hat zumindest mit dem letzten Punkt ins Schwarze getroffen. Einen postapokalyptischen Film, der in der pittoresken Landschaft des Berner Oberlands spielt, hat es so noch nie gegeben. Und das Palace in Gstaad wurde jetzt wirklich noch nie in die Luft gesprengt. Auch im Film nicht.

Martin Burkhalter Berner Zeitung / Berner Oberländer
Anzeiger von Saanen:
Die Premiere des im Saanenland und von einem Einheimischen produzierten Filmes MARAUDER übertraf im Sommer die Erwartungen hinsichtlich Zuschauerzahlen. Damals fanden sich rund 100 Besucher im Kinosaal ein. Aufgrund der grossen Nachfrage wurde entschieden, den ersten apokalyptischen schweizer Actionfilm nochmals auf die Gstaader Leinwand zu bringen.

Die Sitze waren bei der Vorstellung am letzten Freitagabend mit rund 30 Zuschauern nicht mehr ganz so gut besetzt. Auffällig war jedoch die Mischung der verschiedenen Alterskategorien. Eine Reihe junger Leute, die offenkundig auch als Schauspieler im Film mitwirkten, genossen das Erlebnis, sich selber im Grossformat zu betrachten. Einige waren froh, dass sie sich im Film in den panzerähnlichen Rüstungen etwas versteckt präsentieren konnten. Andere verfügten über so viel Telegenität, dass sie weniger kostümiert in Erscheinung traten und ihre Person für jeden unverkennbar war. In der Pause befragte Zuschauer bekundeten ihren Respekt gegenüber dem Produzenten und Regisseur Alex Stalder und seinem Darstellerteam. Der grosse Aufwand, den sie betrieben haben, um über 100 Filmminuten zu füllen, sei hoch anzurechnen. Ein Zuschauer bemerkte, dass es kein dramaturgisches Meisterstück sei und man merke dem Film gut an, dass das Budget sehr begrenzt gewesen war. "Aber in diesem Fall halfen Ideenreichtum und Mundart charmant über die Defizite hinweg", warf eine Zuschauerin ein.

Die Identifikation zwischen Film und Region gelang Stalder schliesslich mit einigen Making Of Sequenzen im Abspann. Sie zeigten überaus unterhaltsame Szenen während der Dreharbeiten vor Ort und belegten, dass die Darsteller und Alex Stalder ausserhalb ihrer Rollen im Marauder keineswegs blutrünstige und rachsüchtige Kreaturen sind.
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